Andacht zur Jahreslosung 2021

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!
Lukas 6,36

Ich grüße Euch herzlich zum neuen Jahr und freue mich, dass wir gemeinsam das Reich Gottes in unserer Stadt gestalten dürfen!

Was erwartet uns wohl in 2021 und welche Herausforderungen werden wir zusammen meistern? Vieles ist zum Beginn des Jahres noch nicht überschaubar – geschweige denn planbar. Umso Mut machender ist die Jahreslosung, die Zuspruch und Anforderung zugleich sein will: Über allen Erfolgen und Rückschlägen stehe stets die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters!

Unser Losungswort bildet im Lukasevangelium den Abschluss einer Sinneinheit, die mit den Worten beginnt „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen!“ Dieser gesamte Abschnitt wiederum (Lukas 6, 27-36) ist eingebettet in der sogenannten „Feldrede“, deren Inhalt der „Bergpredigt“ bei Matthäus entspricht (Matthäus 5-7).

In diesen Reden korrigiert Jesus die gängige Auslegungspraxis seiner Zeit und führt zur ursprünglich gemeinten Intention Gottes zurück. Denn die ethischen Ansprüche des neutestamentlichen Evangeliums waren ja nicht wirklich neu, sondern bereits im Alten Testament fest verankert (vgl. z.B. die 10 Gebote). Jedoch haben sich die Frommen im Laufe der Zeit Freiräume definiert und die Anwendung der göttlichen Maxime von Personen und Kontexten abhängig gemacht.

Das ist der Hintergrund, weshalb Jesus immer wieder bei den Pharisäern und Schriftgelehrten des Hohen Rates aneckte, indem er die Fundamentalkritik am Judentum seiner Zeit nicht scheute. Die jüdische Frömmigkeit unterschied klar zwischen Freund und Feind, bzw. zwischen Judengenossen und Nichtjuden. „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist ‚Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen‘. Ich aber sage euch …“ (vgl. Matthäus 5, 43).

Dieser Verweis auf die Rede zu den Alten ist aber keineswegs ein Verweis auf alttestamentliches Gut, sondern die pharisäische Interpretation desselben. An dieser Stelle also setzt Jesus an und nimmt seine Jünger in die Pflicht, es ganz bewusst
anders zu tun. Gleiches gilt insbesondere für die Frage, wem wir eigentlich barm-herzig sind und wem nicht. Wenn Ihr nur denen barmherzig seid, die euch barm-herzig sind, welchen Dank habt ihr dann dafür?

Im Kontext unserer Jahreslosung bestimmen diese rhetorischen Fragen die Textstruktur: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank er-wartet ihr dafür? (Lukas 6, 32-33)“. Diese Fragen sollen die Jünger ins Nachdenken bringen und zur Selbstreflexion der eigenen Herzenshaltung führen: Handeln wir wirklich ohne Ansehen der Person oder behandeln wir unsere Mit-menschen unterschiedlich, je nachdem, wie sie uns gesonnen sind?

In diesen Momenten steht unser Christsein auf dem Prüfstand. Denn die Jahreslosung verweist in der Aufforderung nicht umsonst auf das Handeln Gottes: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Und tatsächlich: Die Barmherzigkeit Gottes gilt ja allen Menschen. „Wo ist solch ein Gott, so wie du? Der an sei-nem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig.“ (Micha 7, 18)

Liebe Geschwister, in diesem neuen Jahr wird es viele Momente geben, in denen uns persönlich ein barmherziges Handeln abverlangt wird. Vielleicht, weil Menschen an uns schuldig werden oder uns etwas schuldig bleiben werden. Ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde: Lasst uns stets der Barmherzigkeit Gottes für uns selbst gewiss bleiben, auf dass dies in ein barmherziges Miteinander untereinander mündet.

Die Barmherzigkeit des Evangeliums Jesu macht sich weder an Sympathie oder Antipathie fest noch an Kategorien wie „Freund“ oder „Feind“. Stattdessen sind Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu in diese unbarmherzige Welt hineingesendet, um mit einem barmherzigen Herzen glaubhaft die Barmherzigkeit Gottes zu vermitteln.

In diesem Sinne lasst uns als Gemeinde in 2021 Schritte wagen – gerade auch zu den Menschen, die uns eigentlich nicht so wohlgesonnen sind!

Maik Berghaus

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.