Andacht April

Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat,so sende ich euch.

Johannes 20, 21

Insgesamt sieben letzte Worte werden uns in den neutestamentlichen Evangelien von Jesus Christus überliefert. Nicht in allen Evangelien sind es dieselben. Das Wort, das zu unserem Monatsspruch geworden ist, steht nur im Johannesevangelium. Am Kreuz hängend spricht Jesus: "Es ist vollbracht!".

Wenn etwas vollbracht wurde, dann wurde es vollständig zu Ende gebracht. Diesen Sinn enthält auch das griechische Wort, das in der Bibel an dieser Stelle verwendet wird. Seine Grundbedeutung ist "ans Ziel kommen". Aber was ist denn hier ans Ziel gekommen? Was wurde vollständig zu Ende gebracht?

Es könnte scheinen, als würde dieses Wort vielleicht besser in den Mund des römischen Hauptmanns passen, der die Kreuzigung durchführte. Jetzt, da der Gekreuzigte seine letzten Atemzüge tut, ist die Hinrichtung vollbracht. Das würde passen. Aber  im Munde des Gekreuzigten? Was soll das Wort da bedeuten? Jesus ist hier doch ein machtloses Opfer weltlicher Gewalt. Er handelt nicht, er leidet nur.

Aber das ist nur der äußere Schein. Eigentlich geschieht hier etwas anderes, und darauf will uns das Kreuzeswort hinweisen. Entgegen allem Anschein bringt Jesus in diesem Moment eine Aufgabe zu Ende, die Gott der Vater ihm mitgegeben hat, als er auf die Welt kam: Er sollte den Vatergott den Menschen erkennbar machen. In den Worten und Taten Jesu sollte man Gott ablesen können wie in einem aufgeschlagenen Buch. Auch Jesu Passion, sein Leiden und Sterben, sollte Zeugnis von Gott ablegen Noch konnten es die Jünger Jesu nicht fassen. Noch hatten sie Angst und versteckten sich: nicht, dass auch sie ans Kreuz genagelt werden und einen schrecklichen Tod sterben wie ihr Meister Jesus. Die Frauen hatten zwar etwas davon erzählt, dass Jesus ihnen im Garten begegnet ist. Aber das kann ja gar nicht sein: Tot ist tot! Für Jesus und für sie gab es keine Hoffnung. Alle Türen haben sie verschlossen, alle Fenster verrammelt. Hoffnungslos und verzagt kauerten sie im Halbdunkeln. Plötzlich steht Jesus da, einfach so, und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Zweimal sagt er ihnen seinen Frieden zu. „Ich bin kein Gespenst, sondern Jesus, den ihr kennt; seht meine durchbohrten Hände.“ Es geht alles so schnell; sie können es kaum fassen, glauben: Jesus ist wirklich vom Tod auferstanden und er lebt. Nun spricht er das Sendungswort über sie aus und bläst sie an mit dem Geist Gottes, der ihn lebendig und die Macht des Todes gebrochen hat. Jesu Werk ist nicht zu Ende; sein Heil will zu allen Menschen kommen. Und dazu sendet er sie, die sich vor Unsicherheit und Angst verkrochen hatten. Sie sind berufen, die Mission Jesu fortzusetzen.
Jesus hat den Jüngern damals und uns heute den Weg unserer Mission vorgezeichnet: Er predigte das Reich Gottes, forderte zur Umkehr heraus und lud dazu ein, sich auf die Liebe seines himmlischen Vaters einzulassen. Jesus nahm die Menschen in ihren Nöten ernst und berührte sie heilend und befreiend.

Er setzte sich mit den Verstoßenen an einen Tisch, aß und trank mit ihnen, und ließ sie so die Nähe Gottes spüren. Wie er als Gottessohn sich erniedrigte und Mensch wurde, so sind wir berufen, unseren Mitmenschen Schwester und Bruder zu sein. Wir müssen nicht alles auf einmal tun; wir müssen eigentlich gar nichts, sondern lassen einfach die Liebe Gottes durch uns hindurch fließen zu den Menschen um uns herum. Dabei mögen wir uns unsicher oder ungenügend fühlen, aber Jesus, der Auferstandene, ist da, und sein Friede durchdringt den Nebel unserer Furcht und kommt bei anderen an, durch uns und manchmal auch trotz uns.

Prof. Dr. Michael Kißkalt

Der Autor ist Rektor der Theologischen Hochschule Elstal