Andacht zum Monatsspruch März

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.

3. Mose 19, 32 (L)

Liebe Leser/innen,

in unserer Leistungsgesellschaft der möglichst fitten und schönen Menschen geraten alte und hochbetagte, oft auch kranke ältere Menschen leicht ins Hintertreffen. Sie können nicht mehr mithalten, vieles geht langsamer und manches gar nicht mehr, der Lebensradius wird kleiner und die Möglichkeiten reduzieren sich. Immer häufiger sind alte Menschen auf Hilfe angewiesen, bis sie vielleicht sogar ganz von Hilfe abhängig werden als Pflegebedürftige. Das ist alles andere als einfach, diese Entwicklung am eigenen Leibe erfahren zu müssen. Meine Tante in Berlin, selbst über 80 Jahre alt, sagte mir bei einem Besuch, den ich bei ihr im Wohnstift machte: „Man braucht Mut, um alt zu werden.“ Darüber lohnt es sich nachzudenken. Wer noch ungehindert „voll im Saft steht“, kann sich noch gar nicht vorstellen, wie es sich eines Tages anfühlen wird. Aber eine immer größere Zahl von alten und auch hochbetagten Menschen in unserem Land wissen nur zu genau, wie sich das anfühlt. Zurück zu bleiben, überholt zu werden, nicht mehr mitzukommen, vielleicht sogar despektierlich behandelt zu werden oder z.B. auch nicht mehr ernstgenommen zu werden. Es ist beinahe unerträglich, wenn man nach 75, 85 oder gar 95 Jahren Lebensleistung angesehen wird wie überflüssig oder wenn man schmerzlich erleben muss, wie einem Wert und Würde schleichend oder offensichtlich entzogen werden.

„Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.“

Wie eine Zurechtweisung der noch Leistungsfähigen steht der Monatsspruch März allen oben beschriebenen Tendenzen entgegen! Gott ist ein Gott aller Lebenden und die „Heiligkeit des Lebens“, wie es unsere katholischen Glaubensgeschwister nennen, gilt selbstverständlich auch für Alte und Hochbetagte, wie sie auch gilt für Behinderte und Ungeborene.

„Du sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.“

Vielleicht braucht unsere Zeit diese Ermahnung dringender als jede Generation zuvor. Jeder Mensch ist zu achten, weil jeder Mensch ein Geschöpf des allmächtigen Schöpfers ist! Und weil kein Mensch auf seine abnehmenden körperlichen Kräfte reduziert werden darf. Denn in diesem Körper lebt eine Seele, die den eigentlichen Person-Kern ausmacht: das Ebenbild Gottes, das geschaffen ist, zu Lebzeiten und in der Ewigkeit sich als Gottes Gegenüber zu entfalten. Alten und Hochbetagten, Kranken und Schwerstkranken mit Respekt zu begegnen, ist ein Ausdruck des Glaubens (und – nebenbei bemerkt – guter Erziehung!). Wer Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat, wird auch Respekt für jedes seiner Geschöpfe haben. Deshalb sind selbst hohe Pflege- und Gesundheitskosten bis zum Lebensende selbstverständlich gerechtfertigt. Danke an die Leistungsfähigen, die gerne mit ihren Beiträgen zu einer menschenwürdigen Gesundheitsversorgung und Pflege helfen. Danke an die Respektvollen, die die Würde eines Menschen selbst in größter Gebrechlichkeit erkennen. Danke an die Gottesfürchtigen, denn sie haben auch Ehrfurcht vor der „Heiligkeit des Lebens“. Von dieser Sorte Mensch braucht unsere Gesellschaft noch viel mehr – auch uns. Innerhalb und außerhalb der Gemeinde. Gott zur Ehre und Menschen zur Hilfe!

Ihr/Euer

Steffen Kahl, Pastor der Friedenskirche Sindelfingen